Blauer Sonntag

Vom Aufwand des "Müßigganges"
 
Von David Seidlitz und Suse Sziborra, 24. April 2005, Berlin



Das geflügelte Wort vom "Blaumachen" rührt im Ursprung tatsächlich vom Tuchfärbevorgang mit Indigo. Nachdem das Färbegut aus der Küpe kam, musste es eine Weile an der Luft oxidieren, bis der Farbumschlag vollzogen war, das Tuch also blau wurde. Theoretisch hatten die Färber in dieser Zeit nichts zu tun. Daß der Vorgang des Blaufärbens bis zu diesem Punkt jedoch sehr aufwändig ist, davon konnten wir uns heute überzeugen.
Da wir aber mitten in Berlin in einem zwar bunten und toleranten, dennoch eng besiedelten Kiez wohnen, haben wir doch (für den Moment) davon abgesehen den ursprünglichen Weg über die Urinküpe zu gehen. Aus diesem Grund besorgten wir uns im Handel (nach langer Suche) bereits extrahiertes Indigopulver aus Waid (Isatis tinctoria L.). Chemisch gesehen ist der Farbstoff identisch mit dem der indischen Indigopflanze, jedoch erreicht man bei einer Färbung mit Waid nicht die Leuchtkraft und Intensität, die eine Färbung mit Indisch-Indigo hervorbringt. Das Blau, das man mit Waid färbt, hat oft eine leicht graue Note.
Um die Urinküpe zu umgehen behalfen wir uns mit Mitteln der "modernen Alchemie", um den chemischen Vorgang der Verküpung nachzuvollziehen. Diese ist notwendig, um das eigentlich wasserunlösliche Indigo auf das Tuch aufbringen zu können, der Färbevorgang beruht auf Reduktion und Oxidation.
Schritt 1:
Das Waidindigopulver wird in etwa 1,5 l Wasser gegeben. Als Emulgator haben wir einen Spritzer Spülmittel zugefügt.
  Nach der Zugabe von Natruimdithionid und Natronlauge wird die Flüssigkeit auf 60C erhitzt und solange bei dieser Temperatur gehalten, bis sie gelblich-glasig wird.
Durch die Chemikalien und die Erhitzung geht der Farbstoff durch Reduktion in seine wasserlösliche Form über, das erkennt man sehr gut daran, daß aus der anfänglich blauen Brühe nach und nach die gelblich gefärbte Küpe mit oberflächlich blauem Schaum wird. Durch starkes Umrühren würde dieser wieder Sauerstoff zugefügt werden, was eine vorzeitige Oxidation verursachen würde, also ist es angebracht, während des gesamten Färbeprozesses auf übermäßiges Rühren zu verzichten.
Die so entstandene Stammküpe ist verschlossen gut aufzubewahren, kann also auf Vorrat "gebraut" werden.
Schritt 2:
Nun werden 45 l Wasser auf 50 - 60C erhitzt. Nach der Zugabe von Natriumdithionid , Gelantine und 25%iger Ammoniaklösung wird vorsichtig (wegen der Oxidationsgefahr) die Stammküpe zugefüllt. Das so entstandene Küpenbad muss nun etwa 30 Minuten bei dieser Temperatur gehalten werden.
Schritt 3:
Das angefeuchtete Tuch wird nun in das Küpenbad gegeben und bei gleichbleibender Temperatur zwischen 20 und 30 Minuten in ihm belassen.
Schritt 4:
Das Tuch wird nun gelb-grün dem Küpenbad entnommen und (Achtung: heiß!) ausgewrungen, anschließend (z.B. auf einem Wäschetrockner) ausgebreitet. Nun geschieht das "blaue Wunder": Durch den Kontakt mit dem Luftsauerstoff oxidiert der Farbstoff und geht wieder in seine wasserunlösliche, blaufarbige Form über; das Tuch wird blau. Anschließend gründlich spülen.
Schritt 5:
Durch ein Bad in warmer Essiglösung kann man die Farbe zusätzlich fixieren. Dieser Schritt ist jedoch nicht zwingend notwendig.
 
Sollte die Farbtiefe noch nicht befriedigen, kann das Küpenbad für weitere Aufzüge verwendet werden, wenn man wieder Stammküpe zugibt.

 
Die Ergebnisse:
Wollene Damenstrümpfe, zweiter Aufzug, Ausgangsfarbe grau-meliert handgewebtes Leinen, gebleicht, Einfach- und Doppelfärbung Wollzwirn, Ausgangsfarbe naturweiß; mit diesem Zwirn soll der blaue Wollköper vernäht werden Wollköper, Ausgangsfarbe naturweiß

 
Dieser wunderschöne blaue Schaum war das Ergebnis wilden Rührens im Küpenbad, wir wollten ihn dem geneigten Leser nicht vorenthalten ;o)

Kleiner Ausblick auf die Zukunft: Im August werden wir voraussichtlich doch die Urinverküpung zum Blaufärben ausprobieren. Wir sind auf die Ergebnisse gespannt und werden sie natürlich wieder hier veröffentlichen.
Bei Fragen zu diesem und anderen Färbevorgängen könnt ihr euch gern via mail an uns wenden.